„Die vergessenen Geschichten Oberschelds“ - Ein Projekt im Rahmen des Lokalen Aktionsplans Wetzlar

Im Projekt „Die vergessenen Geschichten Oberschelds“ versuchte der „Jugend-Arbeits-Kreis Oberscheld“ (JAKOb e.V.) gemeinsam mit einer Gruppe Jugendlicher einen Teil der „vergessenen Geschichten“ aus der Zeit der Nationalsozialismus in der Region zu bergen und einen Bezug zu Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus von heute herzustellen. Als Ergebnis entstanden unter anderem eine 120-seitige Broschüre und eine Ausstellung mit neun Roll-Ups.

Die zur Laufzeit des Projekts im Jahr 2013 neun 15- und 16-jährigen Jugendlichen gingen mit Hilfe ihrer pädagogischen Betreuerin und des Projektteams sehr strukturiert und zielgerichtet an ihre Aufgabe. Zentrale Fragen dabei war: Was können wir und was können insbesondere Jugendliche heute aus der Geschichte des Dorfes im Nationalsozialismus lernen? Wie kann man Fremdenfeindlichkeit schon früh begegnen? Wie soll man sich selbst verhalten?

Die Jugendlichen sichteten anfangs Dokumente des Internationalen Suchdienstes (IST) Bad Arolsen und des Hessischen Hauptstaatsarchivs zur Geschichte Oberschelds und trugen Fotos aus der Zeit des Nationalsozialismus zusammen. Um sich auf das Projekt einzustimmen, besuchten sie die auf den Bildern gezeigten Orte und fotografierten sie erneut.

Die jugendlichen Akteure sichten im Workshop die Bilddokumente, Quelle: Lokaler Aktionsplan Wetzlar
Die jugendlichen Akteure sichten im Workshop die Bilddokumente, Quelle: Lokaler Aktionsplan Wetzlar

Oberscheld, ein Stadtteil von Dillenburg im Lahn-Dill-Kreis, ist historisch stark mit dem Eisenerzbergbau verbunden. Bis heute prägen Erzählungen über die Zeit der Gruben und des Hochofens das kollektive Gedächtnis des Dorfes. Daneben gibt es jedoch auch Geschichten und Bilder, die keinen Eingang in die öffentlichen Erzählungen gefunden haben: Es sind Zeugnisse des zum Teil dramatischen Wandels des Dorflebens, vom drohenden Niedergang des Bergbaus Ende der 1920er, Anfang der 1930er Jahre, der wachsenden Bedeutung der NSDAP im Ort und von ihren großen Wahlerfolgen. Damit verbunden ist auch die Geschichte hunderter Menschen, die am Hochofen und in den Gruben um Oberscheld ab Anfang der 1940er Jahre Zwangsarbeit leisten mussten.

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Projekts waren die Interviews mit neun Oberschelder Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Hierzu konzipierten die Jugendlichen einen Interviewleitfaden und überlegen sehr intensiv, wie sie das Gespräch so gestalten könnten, dass sich die Interviewten für ihre Anliegen öffneten. Die Jugendlichen merkten schnell, dass die älteren Menschen gerne von früher erzählten: Von einer entbehrungsreichen Jugend in einer armen Zeit und dem Zusammenhalt im Dorf. Gleichzeitig wurde Zwangsarbeit im Rückblick als „normal“ empfunden. Sehr viele Kinder und Jugendliche waren damals in der Hitler-Jugend, viele Erwachsene des Dorfes Mitglied der NSDAP und nicht wenige der SA. Sowohl die Dokumente als auch einige Interviews berichten darüber hinaus von Schikanierungen Andersdenkender im Ort, von Opfern der örtlichen Parteischergen und davon, wie auch in Oberscheld Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter zu Tode gekommen sind.

Die Bewohner/-innen Oberschelds in lebhafter Diskussion über die Geschichte ihres Dorfes, Quelle: Lokaler Aktionsplan Wetzlar
Die Bewohner/-innen Oberschelds in lebhafter Diskussion über die Geschichte ihres Dorfes, Quelle: Lokaler Aktionsplan Wetzlar

Die Leittfadeninterviews und die Dokumente aus den Archiven wurden in einem weiteren Schritt wissenschaftlich ausgewertet und nach und nach in Textform gebracht. Als Ergebnis entstand die Broschüre „Die vergessenen Geschichten Oberschelds“. Im weiteren Verlauf des Projektes wurde zudem ein theaterpädagogischer Workshop durchgeführt, bei dem die Jugendlichen anhand der „vergessenen Geschichten“ Themen identifizierten, die auch heute relevant sind, Szenen aus den Interviews spielerisch nachstellten und auf die Gegenwart übertrugen.

Ein ständiger Begleiter für alle Projektbeteiligten war von Anfang an die Frage, wie „das Dorf“ auf die Ergebnisse reagieren würde. Ängste und Befürchtungen, dass der Verein Schaden erleiden könnte, weil die mehr oder weniger verdrängte Dorfgeschichte nunmehr zum Thema wurde oder ob gar die Jugendlichen oder die Mitglieder des Projektteams als „Nestbeschmutzer“ gesehen würden, waren Gegenstand von zahlreichen Diskussionen. Mit besonderer Spannung wurde daher von den Jugendlichen und dem Projektteam die Präsentation der „vergessenen Geschichten“ am 16. März 2014 erwartet. Da der Verein die Geschichten nicht nur frontal präsentieren wollte sondern alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ermutigen wollte, eigene vergessene Geschichten zu erzählen, wurde ein World Café mit zehn Thementischen angeboten. Zusätzlich wurden eine Ausstellung zur Broschüre mit neun Schautafeln konzipiert sowie Pinnwände mit Dokumenten und alten Bildern aufgestellt. Die Resonanz war sehr gut: Mehr als 200 Besucherinnen und Besucher kamen in die Glück-Auf-Halle in Dillenburg-Oberscheld. Viele von ihnen brachten alte Bilder mit. Auch die Tische des World Cafés waren gut besucht. Die erste Auflage der Broschüre war bereits zwei Wochen nach dem Erscheinen vergriffen.

Gefördert wurde dieses Projekt mit Mitteln des Lokalen Aktionsplans Wetzlar.
Informationen zum LAP unter www.toleranz-wz-ldk.de
Informationen zum Jugend-Arbeits-Kreis Oberscheld e.V. unter www.projekt-jakob.de