„Projekt 598 – Jasager und Neinsager“ - von einer Stadt getragen; Stadtrauminstallation des Schlosstheaters Celle

Der folgende Text über das vom Lokalen Aktionsplan Celle geförderten Projekt wurde von Margitta True von der Agentur für Redaktion & Kommunikation, Celle, verfasst:

Ein strahlender Frühlingstag in Celle: Auf dem satten Grün des Schlossbergs finden sich 25 Mitwirkende von „Projekt 598“ ein. Sie gehören zum Großen Chor, der sich seit Februar wöchentlich mit Regisseurin Vanessa Wilcke und Mitgliedern des Schlosstheater-Ensembles trifft. Geprobt wird für die Stadtrauminstallation am 15. Juni 2014, anlässlich des 65-jährigen Bestehens des Deutschen Bundestages. Das Thema: Demokratie, auf der Grundlage von Bertolt Brechts Lehrstück „Der Jasager. Der Neinsager“.

Auf der großen Fläche im Schatten des Barockschlosses verliert sich die kleine Gruppe fast. Doch als sie beginnt, Brecht zu rezitieren, tragen die Stimmen bis zur gegenüber liegenden Fußgängerzone. Passanten bleiben stehen, kommen näher: Die Sprech- und Stimmschulung durch die Profis von der Bühne hat sich gelohnt und Wilcke ist zufrieden: „Wie wirkt es erst, wenn hier 598 Menschen stehen?“

Seit dem ersten Aufruf zum Mitmachen begleitet die regionale Presse die Entwicklung des Projekts.  Werden sich wirklich 598 Teilnehmer melden – so viele, wie der Deutsche Bundestag Sitze hat? Über 100 kommen zur ersten Probe. In den Wochen vor der Aufführung tut sich immer wieder etwas auf dem Schlossberg. Mal singt ein Frauenchor, mal proben über 200 Schülerinnen und Schüler ihren Einsatz vor laufender Kamera eines Fernsehteams. Equipment wird ausprobiert, eine Turnerin rollt im Rhönrad am Schlossgraben entlang. Je näher die Premiere heran rückt, desto öfter sind sie im Schlosspark zu finden: der Chefdramaturg des Schlosstheaters, Tobias Sosinka, Regisseurin Vanessa Wilcke und Ensemblemitglieder, die zum Teil abends noch auf der Bühne stehen.

Schon bei den Proben entstand Gemeinschaftsgefühl. Quelle: Margitta True
Schon bei den Proben entstand Gemeinschaftsgefühl. Quelle: Margitta True

Außerdem sind Wilcke und die Schauspieler viel unterwegs. Sie fahren zu Schulklassen, treffen  sich mit Gruppen und Vereinen. Die Bundestagsabgeordneten Kirsten Lühmann (SPD) und Henning Otte (CDU) sowie der Landtagsabgeordnete Maximilian Schmidt (SPD) berichten von ihrem Arbeitsalltag. Zwischendurch besprechen sich Sosinka und Wilcke immer wieder mit Projektkoordinatorin Nathalie Schmidt. Die Wände im Besprechungszimmer der Intendanz sind bedeckt mit Einsatzplänen und To-Do-Listen. Jeder kann jederzeit einsteigen und muss nur so viel proben wie er Zeit hat – eine logistische Herausforderung für das Team hinter den Kulissen, zu dem auch Technik, Kostüme und Maske gehören.

Mittlerweile entsteht eine Count-Down-Stimmung in der Stadt. „Projekt 598“ wird zum Begriff, die Presse gibt die Zwischenstände bekannt. Am 14. Mai veröffentlicht das Schlosstheater-Team: „Ziel erreicht“, neben 598 „Abgeordneten“ gibt es über 100 „Überhangmandate“. 31 Vereine, mehrere Schulklassen und Gruppen sowie zahlreiche Einzelpersonen hatten sich gemeldet: über Aufrufe, Mund-zu-Mund-Propaganda und via Facebook.

Am 15. Juni ist es dann so weit. Eine Stunde vor der Premiere sammeln sich die Beteiligten im Schlossinnenhof. „Eine Vision erfüllt sich“, sagt Vanessa Wilcke, ihre Idee steht kurz vor der Umsetzung. Das Premierenfieber und das „Wir-Gefühl“ in der Menge sind fast greifbar. Während die letzten Akteure geschminkt werden, verteilen sich rund 1.500 Zuschauer unter blauem Sommerhimmel im Schlosspark: auf Decken, mitgebrachten Stühlen oder im Gras sitzend warten sie auf den Beginn einer Uraufführung, die in vielerlei Hinsicht eine Premiere ist. Celles Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende spricht sein Grußwort und dankt dem Team des Schlosstheaters und den vielen ehrenamtlich engagierten Bürgerinnen und Bürgern der Stadt.

Die Stadt Celle hat die Chance genutzt, die professionellen Strukturen und das Knowhow des Schlosstheaters mit bürgerschaftlichem Engagement zu verbinden. Quelle: Jochen Quast
Die Stadt Celle hat die Chance genutzt, die professionellen Strukturen und das Knowhow  des Schlosstheaters mit bürgerschaftlichem Engagement zu verbinden.  Quelle: Jochen Quast

Das Schlosstheater Celle hat das Ziel erreicht, 700 Menschen aller Altersgruppen und unterschiedlicher Herkunft für dieses performative, musikalische Großtheaterspektakel zu gewinnen. Doch die Bedeutung des einzigartigen Theaterabends geht darüber hinaus: Er bildet auch den Höhepunkt der Arbeit des Lokalen Aktionsplans im Rahmen des Bundesprogramms TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN in Celle. „Fast genau auf den Tag vor vier Jahren“, so der Sozialdezernent der Stadt, Stephan Kassel, zum Publikum, „haben wir von der Möglichkeit erfahren, sich an diesem Projekt zu beteiligen“. Fast 400.000 Euro habe das Programm, zunächst unter dem Namen „Vielfalt tut gut“, nach Celle gebracht. Doch es sei nicht nur das Geld, vielmehr das Einbeziehen zivilgesellschaftlicher Akteure, was den Erfolg des Programms ausmache: „Es ist ein Mitmachprojekt, wie ,Projekt 598 – Jasager und Neinsager' .“

Der Schauspieler Thomas B. Hoffmann stellt sich an das Mikrofon. Mit prägnanter, gesetzter Stimme wirft er Fragen auf. „Womit soll man sich als Einzelner in einer Demokratie einverstanden erklären?“ Dann geht sein Vortrag über in eine beliebige Politiker-Rede. Als eine Gruppe von Menschen ihn unterbricht und laut lärmend den Schlossberg hinunter eilt, sogar Anstalten macht, ein Fahrzeug der mit Blaulicht und Sirene eintreffenden Celler Polizei anzugehen, glauben einige der Zuschauer zunächst, die Aufführung würde von Demonstranten gesprengt.

Die folgenden Szenen werfen die Problematik von Brechts Stück auf, die Entscheidungsfindung eines Individuums in Abhängigkeit von der Gesellschaft: Wie viel Wert hat die Stimme des Einzelnen gegenüber der breiten Masse? Eine Seuche ist in der Stadt, die Lehrer wollen Rat und Medizin jenseits der Berge holen. Ein Junge, dessen Mutter erkrankt ist, möchte sie begleiten. Und er weiß: Kann er nicht mithalten, wird von ihm erwartet, dass er sich opfert.

Eine Stunde lang reihen sich die Bilder der Aufführung aneinander. Über Funk und Sichtzeichen werden die Einsätze der einzelnen Akteure und Gruppen koordiniert. Alles läuft reibungslos, obwohl niemals alle gemeinsam geprobt haben. Die Zuschauer erkennen ihre Vereine und Gruppen, Nachbarn, Schulkameraden und Lehrer unter den Akteuren. Das Deutsche Rote Kreuz „rettet“ innerhalb von Minuten 200 „erkrankte“ Schülerinnen und Schüler, die Stadtkantorei und der Fanfarenzug Herzogstadt untermalen die zum Teil spektakulären Szenen ebenso wie eine Trommel- oder eine Sambagruppe. Selbst die offiziellen Vertreter der Stadtverwaltung nehmen nicht reservierte Plätze in der ersten Reihe ein: Sie agieren, in das Stück integriert, und bilden einen Sprechchor. Die DLRG bringt die Akteure in Booten über den Schlossgraben – das THW hatte den Transport ermöglicht – die Bimmelbahn durchfährt das Bild mit dem Banner des Bundesprogramms.

Der Lehrerchor am Berg des Schlosstheaters. Quelle: Jochen Quast
Der Lehrerchor am Berg des Schlosstheaters. Quelle: Jochen Quast

Als der Jasager-Junge erkrankt und sich der Gruppe fügt um der Vereinbarung gemäß seiner eigenen Vernichtung zuzustimmen und die anderen nicht beim Weitergehen zu behindern, bleibt es still im Publikum. Doch als der Neinsager sich gegen diese Tradition auflehnt und protestiert, „Wer A sagt muss nicht B sagen, er kann auch erkennen, dass A falsch war“, erhebt sich laut eine Welle der Zustimmung. Der kranke Junge wird von der Gemeinschaft getragen.

Das Schlussbild mit 700 Menschen vom Grundschulalter bis über 80 Jahre, ist auch ein Abbild des Engagements in der Stadt Celle, ihrer Akteure und Gruppen. Die scheidende Intendantin Dr. Bettina Wilts konnte sich mit dem größten Bürgerbühnen-Projekt verabschieden, das jemals in Celle umgesetzt wurde und Chefdramaturg Sosinka resümiert: „Mit dieser Stadtrauminstallation haben wir gezeigt, dass es möglich ist, verschiedenste Menschen zu motivieren, sich mit theatralen Mitteln mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinander zu setzen.“  Das „Projekt 598. Jasager und Neinsager“, betont Stadtrat Stephan Kassel, habe die Eigenschaften des Bundesprogramms TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN nochmals verdeutlicht: „Es strahlt auf alle bisherigen Aktionen aus.“ Und wie das Bundesprogramm sei Demokratie ein Mitmach-Ding, sie lebe vom Engagement jedes Einzelnen. „Wir in Celle sind keine Man-müsste-mal-Sager, wir sind Wir-machen-mal-Sager!“

Minutenlange Standing Ovations und das positive Echo in der Presse sind nicht der einzige Nachhall dieses einzigartigen Projekts. „Ich war auch bei 598 dabei“, heißt es immer noch in Celle und dann geht man zum „Du“ über – immerhin gehörte man zum selben Team, zum selben Ensemble. „Mit diesem erfolgreichen Projekt sind wir alle ein Stückchen mehr zusammengerückt“, resümiert Serpil Klukon, Leiterin des Referats Integration. „Ich mag momentan nicht daran denken, dass das Bundesprogramm zum Ende des Jahres beendet sein wird.“

Text: Margitta True, Agentur für Redaktion & Kommunikation, Celle

Förderung des Projekts „598 – Jasager und Neinsager“ durch den Lokalen Aktionsplan Celle: http://www.vielfalt-in-celle.de/ und www.facebook.com/pages/Vielfalt-in-Celle/441776929240642

Informationen zum Projekt: https://www.facebook.com/Projekt598

Weitere Fotos und Filme zum Projekt: http://goo.gl/x9Tu7I  bzw. https://www.youtube.com/watch?v=WmQ7oPh0Kik und https://www.youtube.com/watch?v=aGfXddlTICc