Was mich antreibt...

Birgit Meusel, Coach mehrerer Lokaler Aktionspläne in Bayern und Thüringen, beschreibt ihre abwechslungsreiche und praxisorientierte Arbeit vor Ort:

Für mich ist es wichtig, dass Menschen sich in der Region, in der sie leben, einbringen und diese so zu einem lebens- und liebenswerten Ort machen. Erst recht, wenn ungünstige lokale Gegebenheiten den Einsatz von couragierten Personen erforderlich machen.

Mir ist während meines Studiums aufgefallen, dass es in den letzten Jahrzehnten vielfältige, wenngleich nicht immer aufeinander abgestimmte Förderprogramme für Demokratie und Vielfalt von Bund oder Ländern gab, aktuell gibt und künftig sicher auch geben wird. Grundsätzlich finde ich es sehr wichtig, dass die Politik Kommunen, Städte, Gemeinden, Vereine, Bündnisse und einzelne Engagierte bei der Umsetzung von (Modell-)Projekten oder anderen neu zu erprobenden Methoden in der Rechtsextremismusprävention und Demokratiestärkung unterstützt. Relevant sind hierbei neben finanziellen Mitteln auch Handlungshilfen, Materialien oder Methoden-Sets, um praktisch aktiv werden zu können und Handlungssicherheit zu erlangen.

Um mir hierzu einen Überblick zu verschaffen, habe ich mich während meines Studiums der Politikwissenschaft in Jena intensiv mit den Themen Demokratie, Prävention, Rechtsextremismus, Kommunikation, Netzwerke und Öffentlichkeitsarbeit auseinandergesetzt. Nach meinem Abschluss war mir klar: Ich möchte mit Menschen in diesen Themenfeldern zusammenarbeiten und diese in ihrer originären Arbeit oder im Ehrenamt unterstützen, begleiten und mit anderen Akteuren vernetzen, um deren Ressourcen und Stärken zu bündeln.

Birgit Meusel
Protrait Birgit Meusel, Quelle: Privat

Im Jahr 2010 habe ich dann meine Magisterarbeit über „Zivilgesellschaftliches Engagement in der Rechtsextremismusprävention in Thüringen“ geschrieben. Einige Zeit davor arbeitete ich im Thüringer Innenministerium an der Broschüre „Entschlossen für Demokratie. Handlungsleitfaden für kommunale Entscheidungsträger in Thüringen zum Umgang mit Rechtsextremisten“ mit.

Die Struktur der Lokalen Aktionspläne (LAP) erscheint mir ein sehr sinnvoller Ansatz zu sein, Akteure vor Ort zu stärken, zu unterstützen und zu vernetzen. So habe ich mich als Coach beworben und begleite seit 2012 LAP in Thüringen und aktuell auch in Bayern. Ich arbeite heute als freie Beraterin und Wissenschaftlerin für verschiedene öffentliche und private Auftraggeber. Im Jahre 2013 habe ich die Chance erhalten, einen Input zum Thema „Lokale Aktionspläne – Rechtsextremismusprävention im Bundesprogramm TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN und DENK BUNT - dem Thüringer Landesprogramm für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit“ für das „Kompetenzzentrum Rechtsextremismus“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena zu halten. Außerdem diskutierte ich gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern/-innen den praktischen Nutzen der Programme sowie die mit ihnen verbundenen Herausforderungen.

Ich werde häufig gefragt, was ich eigentlich mache als Coach oder „Coachin“, wie einige sagen. Im Grunde genommen ist mein Auftrag sehr einfach und doch hochkompliziert zugleich: Ich bin die unabhängige, vertrauliche Beraterin des jeweiligen LAP, die einen Überblick über die verschiedenen Felder des LAP hat, die gerade beackert werden. Manche müssen intensiv gepflegt werden, da hier sehr zarte Pflänzchen heranwachsen, andere sind anspruchslos und robust; da reicht aussäen und gießen. Manche Parzellen liegen auch einmal brach, da gerade ein anderes Feld besonders viel Pflege benötigt.

Konkret bedeutet das: Ich achte darauf, dass eingereichte Projekte den Zielen des LAP entsprechen und dass die Ziele des LAP partizipativ (weiter-)entwickelt werden. Ich betreue vertrauensvoll und individuell die Koordinierungsstellen und erarbeite die jeweilige Aufgabenabstimmung zwischen Lokaler und Externer Koordinierungsstelle – gegebenenfalls justieren wir gemeinsam nach. Ich unterstütze die Vernetzung der Projektträger vor Ort, mal mit konkreten Angeboten in Form von Workshops, z. B. zur Öffentlichkeitsarbeit, mal mit einem Input zur Nachhaltigkeit oder einfach nur als Moderatorin (sofern das gewünscht ist) von Entwicklungsprozessen im LAP.

Ich betreue außerdem die Begleitausschüsse, die über die jeweiligen Projektanträge im Rahmen des LAP abstimmen. Auch hier ist meine Rolle von LAP zu LAP verschieden: Mal bin ich als Krisenkommunikatorin gefragt, mal als Moderatorin oder mal als Ideenentwicklerin für neue Perspektiven. In bestimmten Phasen des LAP gebe ich in den Begleitausschüssen Inputs in Form von Vorträgen zu speziellen Themen oder wir erarbeiten gemeinsam Richtlinien für internes Monitoring. In vielen LAP haben sich hierzu Patenschaftsmodelle entwickelt: Mitglieder der Begleitausschüsse suchen sich ein Projekt aus dem LAP aus, das sie im aktuellen Förderjahr enger begleiten. Wenn teilweise pro Jahr mehr als 20 Projekte gefördert werden, ist die Begleitung aller Projekte für die mehrheitlich ehrenamtlichen Begleitausschussmitglieder schwierig. Wenn aber einzelne Personen in der Lage sind, aus persönlicher Erfahrung und Begleitung ihre Eindrücke im Begleitausschuss den anderen Mitgliedern zu schildern, entsteht zum einen häufig eine wertschätzende Dynamik zwischen Pate und „Patenprojekt“ und zum anderen vielfältige, dem LAP förderliche Synergieeffekte und Transfermöglichkeiten der Projekte in andere Felder.

Grundsätzlich verstehe ich meinen Auftrag darin, alle relevanten Akteure vor Ort miteinander ins Gespräch zu bringen, um an den gemeinsamen Zielen zu arbeiten. Erfolg ist für mich nicht eine bestimmte Teilnehmerinnenzahl X an einem Projekt. Für mich ist das entstehende oder gestärkte Netzwerk der eigentliche Erfolg der LAP. Häufig ist das eine sehr spannende (mitunter für alle Beteiligten nervenaufreibende) Angelegenheit. Denn obwohl viele Menschen gleiche oder ähnliche Ziele haben, sind sich doch nicht immer alle einig, wie diese Ziele zu erreichen sind. Lokale Befindlichkeiten einzelner Akteure können dabei eine große Herausforderung für sensible Netzwerke sein. Ich bin bestrebt, dass Bürgermeister/-in, Schüler/-in, Hauptamtliche und Ehrenamtliche vor Ort alle zusammen für die gemeinsam formulierten Ziele aktiv werden. Für mich ist also Erfolg, wenn sich nachhaltig Netzwerke bilden, die sich den Themen des LAP auch nach Beendigung der Förderphase verbunden fühlen und weiter an ihnen arbeiten wollen/können.

Ob die Akteure mich im Prozess benötigen, entscheiden sie selbst und auch die Form der Unterstützung wird gemeinsam abgestimmt. Wenn allerdings meine Unterstützung gefragt ist (egal ob bei strukturell langfristigen Präventionsvorhaben oder bei kurzfristigen Interventionen), dann begleite ich die Akteure sehr gern mit Fachkenntnis, Kreativität, Optimismus und der gebotenen Neutralität bei ihren individuellen Vorhaben, die Stadt, die Kommune oder den Landkreis zu einem noch lebens- und liebenswerteren Ort zu machen.