Shpetim Alaj, „Botschafter der Vielfalt“ des Lokalen Aktionsplans „Vielfalt tut gut“ in Eisenach und Wutha-Farnroda


Ich bin 46 Jahre alt, verheiratet und habe zwei Kinder, die 18 und 20 Jahre alt sind. 1992 kam ich als politischer Flüchtling mit meiner Frau nach Deutschland. Bis zuletzt war ich im Kosovo als Standesbeamter tätig. Unser Aufenthalt in Deutschland war nur für ein paar Monate geplant. Wir hofften, dass sich die politische Lage in Jugoslawien beruhigen würde. Leider ist dies nicht eingetreten und wir mussten uns hier „etwas“ länger niederlassen. Da ich meinen Beruf nicht ausüben konnte, arbeitete ich von 1994 bis 1997 als Tischler in einer Eisenacher Tischlerei. Ab August 1997 begann ich eine Umschulung zum Speditionskaufmann. Nach dem erfolgreichen Abschluss nahm ich eine Stelle bei einer Zollagentur aus Fulda an. Im Jahre 2000 beantragten und bekamen wir die deutsche Staatsbürgerschaft. Und schließlich eröffnete ich 2002 meine eigene Firma, den „Zoll- und Speditions Service Eisenach“. Mit großer Unterstützung meiner verständnisvollen Familie und einem Arbeitspensum von 13-15 Stunden am Tag gelang es mir, eine sehr gut funktionierende und erfolgreiche Firma aufzubauen. Mittlerweile betreiben wir drei weitere Filialen. Zwischendurch begann ich ein Studium zum Betriebswirt in Erfurt und schloss dieses mit dem Prädikat „sehr gut“ ab.

Was treibt sie an, den Lokalen Aktionsplan  „Vielfalt tut gut“ in Eisenach/Wutha-Farnroda zu unterstützen?

Ich verlor mit der Flucht aus meiner Heimat alles, was ich besessen hatte. Vor allem verlor ich meine Familie, Freunde und alles, was das Leben lebenswert machte. In dieser dramatischen Zeit war Deutschland der Staat, der meiner hochschwangeren Frau und mir Zuflucht gewährte und uns half. Trotz sehr schlechter Lebensbedingungen in der Anfangsphase werden wir diese Hilfe nie vergessen. Wir haben durch diese Erfahrung eine sehr enge Bindung zu Deutschland entwickelt, so dass wir sagen können, dass wir dieses Land lieben und wir alles tun werden, um dies irgendwie zurückzugeben.

In einer Situation, in der Deutschland als intolerantes und fremdenfeindliches Land dargestellt wird, fühle ich mich verpflichtet, diesem „Image“ zu widersprechen. Dies tue ich durch die Teilnahme am LAP  „Vielfalt tut gut“ in Eisenach/Wutha-Farnroda. Anhand meines persönlichen Beispiels und meiner Entwicklung möchte ich zeigen, dass Deutschland ein Land ist, in dem sich jeder unabhängig von seiner Herkunft frei entfalten und seine Ziele und Träume verwirklichen kann. Speziell der Öffentlichkeit möchte ich zeigen, dass meine Stadt Eisenach, in der wir seit 20 Jahren leben, tolerant, weltoffen, kulturreich, liebenswert und lebenswert ist. Wir haben in Deutschland sehr viele tolle Menschen kennengelernt und sehr viel von ihnen gelernt.

Ich habe Situationen erlebt, von denen ich heute noch Gänsehaut bekomme, wenn ich daran zurückdenke. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Tag kurz vor Weihnachten. Ich saß mit meiner Frau und unseren Kindern traurig im Wohnzimmer. Finanziell ging es uns so schlecht, dass wir uns keinen Weihnachtsbaum kaufen konnten. Plötzlich klingelte es an der Tür und wir waren völlig verblüfft als Gerhard S. und Günther O. mit einem wunderschönen Tannenbaum und Dekorationsschmuck vor uns standen. Ich glaube, beidseitig liefen die Tränen vor Freude. Die beiden waren unsere ersten und besten Freunde in Eisenach und sie sind es bis heute noch. Wir hatten viele ähnliche Situationen und sind allen Menschen für die schönen Momente dankbar.

Shpetim Alaj
Porträt Shpetim Alaj, Quelle: LAP Eisenach und Wutha-Farnroda

Es gab aber auch Rückschläge, wie Diskriminierung und Benachteiligung. Das haben wir aber ziemlich schnell und ohne Nachwirkungen verarbeitet. Sehr wichtig ist dabei, dass der Rechtsstaat funktioniert und die Menschen den Staatsorganen vertrauen. Hier hapert es meiner Meinung noch, denn auf beiden Seiten gibt es Misstrauen. Dies war der Grund, weshalb ich die Anfrage als „Botschafter der Vielfalt“ für den Lokalen Aktionsplan in Eisenach und Wutha-Farnroda beantwortete und meine Hilfe anbot.

Ich versuche, mit meinem persönlichen Beispiel diejenigen zu widerlegen, die meinen, dass die Fremden sich nicht integrieren wollen, nur persönliche Interessen verfolgen, nichts für die Gesellschaft tun und nur die Sozialsysteme ausnutzen wollen. Gleichzeitig will ich denjenigen, die hierher kommen, sich in „Ghettos“ zurückziehen und denken, dass man hier eh nichts erreichen kann und es nicht lohnt, sich zu engagieren, weil man sowieso nicht akzeptiert wird, vermitteln, dass diese Denkweise falsch ist! Ich will klar machen, dass beide Seiten, die so denken, auf dem Holzweg sind und eine andere Entwicklung möglich ist.

Ich will auch klar machen, dass die Menschen unterschiedliche Ansichten und Bedürfnisse haben. Auch vom Leistungsvermögen her ist jeder anders, unabhängig von der Herkunft, Hautfarbe oder Religion. Dies müssen wir alle akzeptieren und bei dieser Akzeptanz fängt für mich die Toleranz an. Man darf nicht die gleiche Denkweise, Leistung und das gleiche Verhalten von allen erwarten. Von Natur aus kann der eine mehr, der andere weniger. Das schlimmste ist, wenn man von jemandem mehr verlangt, als er kann.

Ich bin der Meinung, dass es für nichts zu spät sein kann und vieles möglich ist, wenn ein Mensch den Willen und die entsprechende Motivation hat. Für mich gilt: Immer „für etwas“ sein und nicht „dagegen“. Das Wort „gegen“ hat negative Konnotation und bringt negative Energie in den Kreislauf. Deshalb sollte  jeder immer „für“ etwas sein, z. B. nicht gegen Arbeitslosigkeit, sondern für die Beschäftigung. Für die Vielfalt, für ein besseres Leben, für weitere gute Entwicklung, für die Umwelt, für die Bildung, für die Toleranz und für die Liebe!

Das Hauptaugenmerk jedes Menschen sollte auf der Familie liegen. Je gesünder die Familie ist, desto gesünder die Gesellschaft. Ein Mensch, der die Familie achtet, hat schon viel für Gesellschaft geleistet. Ich bin bereit, gesellschaftliche Aufgaben ehrenamtlich zu übernehmen und dort zu helfen, wo die Hilfe benötigt wird. Ehrenamtliche Arbeit ehrt einen Menschen und die Ehre ist das wertvollste Attribut im Leben. Mein Beispiel: Ich war acht Jahre lang ehrenamtlich für den ThSV Eisenach im Vorstand tätig. Dort investierte ich viele Arbeitsstunden in das Vereinsleben, was mich auch heute noch sehr stolz macht. Des Weiteren unterstütze ich als Wirtschaftsunternehmer finanziell viele Sportvereine, Sozialeinrichtungen, Schulen und andere Einrichtungen.  Zur Zeit bin in vier Vereinen aktives Mitglied.

Leider wird heutzutage nur über Extremfälle gesprochen und berichtet. Um berühmt zu werden, musst du etwas Extremes oder Verrücktes tun oder an dir haben, das tut der gesamten Gesellschaft nicht gut. In dieser Hinsicht muss sich dringend etwas ändern.

Nur gemeinsam können wir in dieser globalen Welt bestehen. Einzelstaaten und Nationen, egal wie stark sie sind, haben alleine keine Chance. Deshalb sind alle in Deutschland und in Europa verpflichtet, zusammenzuhalten und zu versuchen, gemeinsam für unsere Werte und unsere Interessen zu arbeiten, um eine bessere Zukunft für uns und unsere Kinder zu sichern. Dies ist eine Pflicht gegenüber der nächsten Generation, da wir diese Welt nur ausgeliehen haben und sie wieder ordentlich zurück geben müssen!

„...die Menschen sind zum Glück  unterschiedlich,  daher  darf  man  nicht die gleiche Denkweise, Leistung und das gleiche Verhalten von allen erwarten…“
                                                                                                                         Shpetim Alaj