Was mich antreibt...

Wir freuen uns, dass in diesem Newsletter Stefan Goller-Martin, Leiter des Amtes für Soziales und Familie der Stadt Ravensburg, über seine Motivation, sich für Demokratie und Toleranz zu engagieren, spricht.

„Was treibt mich eigentlich an? Was motiviert mich, meine Arbeitszeit, meine Kraft und Energie in dieses Programm zu stecken, wo doch auch viele andere Aufgaben auf mich warten? Eine gute Frage, obwohl es für mich doch eine Selbstverständlichkeit ist.

Aufgaben habe ich zur Genüge: Als Amtsleiter für Soziales und Familie in Ravensburg mit fast 50.000 Einwohnern bin ich für den Bereich der Kindertagesstätten, die Sozialhilfe (in Delegation vom Landkreis), das Wohngeld, die Förderung freier Träger, die Planungen in den verschiedenen Sozialbereichen einer Kommune, die Altenhilfe, die Integrationsarbeit, das Obdachlosenwesen und viele weitere Themen zuständig bzw. oft der Ansprechpartner. Ebenso gehört die Kooperation mit anderen Ämtern, Organisationen, Politik und Verwaltungen, der Mitwirkung in Netzwerken und ... und ... und ... dazu. Und als Privatperson gestalte ich meine Zeit mit drei Kindern, Freizeitaktivitäten beim Laufen und Skifahren, Besuch von Sportveranstaltungen und Alltagsbeschäftigung rund um Haus, Garten, Freunde und Begegnungen.

Vieles von dem mache ich auf der Grundlage meines Sozialarbeitsstu­diums und zwischenzeitlich auch der Erfahrungen und Lehrtätigkeiten in diesem Bereich. Sozialarbeiter zu sein hat mich nicht gehindert, sondern sogar mehr gefordert, Leitungs- und damit auch Gestaltungs­verantwortung zu übernehmen. Früh habe ich erkannt, dass soziale Arbeit wesentlich durch zwei Bereiche bestimmt wird. Der Schwer­punkt meines Berufes liegt sicherlich in der Gestaltung von Beziehungen und in der Unterstützung einer Lösungsfindung für zahlreiche große und kleine Probleme des Alltags. Immer dort, wo Probleme auftreten, kann ich Menschen begleiten, einen Bezug zur jeweiligen Ausgangssituation setzen, mit ihnen individuelle Lösungen finden und die persönliche Entwicklung fördern.

Aber es braucht auch Personen, die den Rahmen gestalten, die Einfluss nehmen auf Arbeitsbedingungen, Chancen, Angebote, Begegnungs­möglichkeiten und den Alltag der Menschen in ihrem Sozialraum. Und das sollten nicht nur die anderen sein. Dies muss ebenfalls unter Berücksichtigung der Ausgangslage und der vorhandenen Ressourcen erfolgen, auch unter Einbeziehung des Wissens von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. In der sozialen Arbeit wünscht man sich manchmal Ressourcen, die es gerade nicht gibt. Dann ist meine Haltung: Versuch dir diese Ressourcen zu schaffen. Und das gelingt, wenn man andere überzeugen kann, dass gerade diese Ressourcen notwendig sind und dass man sie auch schaffen kann. Nicht immer alle, aber doch viele, denn oft braucht man nicht mehr Geld, sondern kann Angebote neu ausrichten, damit sie die Menschen vor Ort besser erreichen. Wenn man doch mehr Geld braucht, muss man auf die Suche gehen, aktiv werden und nicht warten, bis andere die Notwendigkeit hoffentlich erkennen und das Geld geben. Nach dem Spruch: „Jammern hilft nicht“ – also mach' ich was!

Stefan Goller-Martin
Portrait Stefan Goller-Martin

 Und diese Haltung kommt zusammen mit meiner Überzeugung zur Demokratie. Demokratie muss gelebt sein und zwar von allen. Damit Demokratie funktioniert, muss ich Beteiligung wollen und zulassen. Ich muss zuhören, diskutieren, mich austauschen, korrigieren und vor allem nicht den Anspruch haben, alles schon vorher zu wissen und besser zu können. Aus der Vielfalt entstehen die Chancen und Entwicklungen. Aus vielen Einzelteilen ein großes Gesamtes zu entwickeln, zu erhalten und weiter auszubauen. Andere zu respektieren, eigene Entfaltungsmöglichkeiten zu geben, verschiedene Interessen zu berücksichtigen, zusammen zu bringen und Kompromisse zu schließen, damit alle etwas vom Ganzen abbekommen. Jede und jeden zu respektieren, aber auch respektiert zu werden.

Das alles geht nicht, wenn ich Extremismus zulasse. Und schon zweimal nicht, wenn sich der Extremismus gegen andere Menschen richtet. Egal, ob er von Rechts, Links oder aus der Religion kommt; die Menschenwürde keines Menschen darf angetastet werden. Ich kann mich politisch auseinandersetzen, aber dies endet dort, wo Menschen sich gegenseitig ihre Grundrechte absprechen. Das kann ich nicht akzeptieren. Hier will ich für die Rechte eines jeden Menschen eintreten und sie oder ihn unterstützen, ihre/seine Rechte, Freiheit und demokratischen Möglichkeiten wahrzunehmen und zu verteidigen.
Damit dies gelingt, ist es erforderlich für Erreichtes einzustehen. Aber es ist auch notwendig, Gewonnenes weiter auszubauen, es zu festigen; zudem muss man kreativ neue Wege aufzeigen und gehen.

Und es braucht gute Ideen und Menschen, die diese Wege dann gemeinsam gehen. Dazu passt für mich auch die Aussage „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“. Wenn es beruflich die Chance gibt, sich für ein solches Programm zu bewerben, Erreichtes zu sichern und Ressourcen auf- und auszubauen, dann will ich dabei sein, beruflich und auch privat.

Ich freue mich somit sehr, dass es gelungen ist, für dieses Programm und diesen Weg viele Mitstreiter/-innen aus der Stadt Ravensburg und der Region zu gewinnen und gemeinsam viele Projekte anzudenken, zu entwickeln und wirklich umzusetzen. Die Realisierung der Projekte hat so viele Möglichkeiten der Begegnung geschaffen, sich kennen zu lernen, auszutauschen, Nachbarschaften zu leben und als bereichernd zu empfinden.

Vielfalt als Chance – Vielfalt tut gut.“