Was mich antreibt...

Verena Droste, Multikulturelles Forum e.V. Lünen, Leiterin des Modellprojekts „Hallo! Schalom! Selam! Privjet! Gemeinsam gegen Vorurteile“, berichtet über die spannenden Herausforderungen ihrer interkulturellen Arbeit und ihre Begeisterung über das Engagement junger Menschen.

„Was mich antreibt? Da kommen mir als erstes die Jugendlichen aus jüdischen, muslimischen und alevitischen Gemeinden in den Sinn, die freiwillig nach der Schule und am Wochenende bei unserem interkulturellen Jugendprojekt mitmachen - ihre Motivation und Beteiligung treiben mich an. Unmittelbar verbunden ist damit das Gefühl einer großen Bereicherung für mich persönlich. In meiner alltäglichen Arbeit lerne ich durch die interkulturellen Begegnungen sehr viel über, von und mit ganz unterschiedliche(n) Menschen. Und ich weiß, da geht noch mehr!

Seit nunmehr fast drei Jahren arbeite ich beim Multikulturellen Forum e.V., einer Migrantenorganisation in Lünen, und leite dort das Projekt ‚Hallo! Schalom! Selam! Privjet! Gemeinsam gegen Vorurteile‘. Die Konstellation unserer Projektpartner könnte kaum spannender sein: Wir arbeiten eng mit der Jüdischen Gemeinde Dortmund, der Alevitischen Jugend in Nordrhein-Westfalen und der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Lünen (DITIB) zusammen. Diese ungewöhnliche Projektpartnerschaft einzugehen und Vorstöße im Dialog bzw. Trialog zu wagen, war eine große Herausforderung, die mich immer angespornt hat. Toleranz ist schließlich nichts, was man den Menschen einimpfen kann. Sie ist auch ein Gefühl, eine innere Überzeugung, die zum Teil erst einmal entstehen muss. Umso schöner ist es zu erleben, wie nach und nach Hemmschwellen und Berührungsängste abgebaut werden und stattdessen Vertrauen, Neugier und Nähe entstehen. Das ging nicht von heute auf morgen. Auch unser interkulturelles Team musste zueinander finden, den Blick von der eigenen Community auf eine gemeinsame Ebene bringen. Solche Herausforderungen zu meistern und zu sehen, wie Menschen zusammenwachsen und Brücken gebaut werden, gibt mir ein gutes Gefühl.

In unserem gemeinsamen Projekt setzen wir uns seit Mai 2011 für den Abbau von antisemitischen und rassistischen Vorurteilen ein. Dazu führen wir Workshops an Schulen durch sowie offene Veranstaltungen zu den Themen Antisemitismus und Rassismus zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Das Herzstück unseres Projektes sind jedoch die interkulturellen bzw. interreligiösen Begegnungen zwischen jüdischen, muslimischen und alevitischen Jugendlichen. Durch die Zusammenführung im Rahmen von jugendgerechten Aktivitäten ermöglichen wir gemeinsame Freizeiterlebnisse. Vorhandene Vorurteile und Feindbilder sollen durch das gegenseitige Kennenlernen und positive Erfahrungen mit gleichaltrigen Jugendlichen abgebaut werden.
 
In der Praxis ist es spannend zu beobachten, wie Begegnungen unmittelbare Aha-Effekte auslösen können. ‚Waren das heute alles Juden? Die sahen gar nicht so aus‘, sagte ein muslimischer Jugendlicher einmal nach einer Begegnung zu mir. Wenn ich merke, dass die Jugendlichen sich - obwohl sie in gewisser Weise als Vertreter/-innen bzw. Mitglieder verschiedener Glaubensgemeinschaften zu uns kommen - als Individuen wahrnehmen und klischeehafte Vorstellungen korrigiert werden, motiviert mich das weiter zu machen.

Mit den außerschulischen Jugendbegegnungen möchten wir bewusst ein Gegengewicht zur klassischen pädagogisch-didaktischen Arbeit in Schulen herstellen. Wir geben den Jugendlichen Freiraum und schaffen eine Wohlfühlatmosphäre, die sie nach den oftmals sehr langen Schulalltagen brauchen. Für sie ist das meines Empfindens nach eine Wohltat.

Verena Droste
Portrait Verena Droste, Quelle: Privat

Sie kommen erfreulicherweise auch noch nach einem achtstündigen Schultag, an Sonntagen und nehmen oftmals eine lange Anreise in unserem großen Projektgebiet (Stadt Dortmund, Stadt Hamm und Kreis Unna) in Kauf. Das beeindruckt mich und gibt mir das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein.  

Die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen unterschiedlicher Glaubensrichtungen ist nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine dankbare Aufgabe. Viele von ihnen eint das Interesse an Religion und das gemeinsame Ziel, ein Zeichen für den Dialog setzen zu wollen. Sie möchten ein Vorbild sein - auch und nicht zuletzt für ihre Elterngeneration! Ihr Engagement begeistert mich. Viele haben erkannt, dass sie jetzt und in den kommenden Jahren am ‚Drücker‘ sind. Sie sehen das und wollen verantwortungsvoll damit umgehen. ‚Mittlerweile gehe ich immer dazwischen, wenn ich auf dem Schulhof Schimpfwörter wie ‚Du Jude‘ höre, berichtete mir eine alevitische Teilnehmerin beim Dreh unseres Projektfilms im Dezember 2013. Dennoch brauchen die Jugendlichen bei ihrem Engagement auch Unterstützer/-innen und eine Plattform. Diese Aufgabe übernehme ich gerne!

Es macht unglaublich Spaß zu beobachten, wie sich der Umgang unter den Jugendlichen im Laufe des Projektes verändert. Aus der anfänglichen, teils übermäßigen Vorsicht ist ein lockerer Umgang geworden. Sie scherzen und lachen miteinander, auch mal über religiöse oder kulturspezifische Aspekte, und nehmen nicht alles so furchtbar ernst. Dieser Humor steht dem interkulturellen Dialog und tut allen Beteiligten unglaublich gut.

Ich selbst habe mich immer für andere Kulturen interessiert. In meinem Studium aber eher theoretisch. Durch zwei längere Auslandsaufenthalte in Frankreich habe ich es selbst erlebt, wie es sich anfühlt, zunächst einmal fremd zu sein und nicht meine Muttersprache sprechen zu können. Die Begeisterung für die Arbeit mit Menschen unterschiedlicher Kulturen und Sprachen hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Ich kann mir mittlerweile nicht mehr vorstellen, in einem kulturell-homogenen Kontext zu arbeiten und zu leben. ‚Hier stimmt was nicht‘ – denke ich tatsächlich mittlerweile öfter, wenn ich ausschließlich unter Menschen bin, die genauso wenig Migrationsgeschichte haben wie ich. Das fühlt sich für mich inzwischen fremd an, irgendwie nicht mehr zeitgemäß.

Dennoch versuche ich im privaten Bereich darauf zu achten, nicht mehr immer und überall als ‚Antidiskriminiererin‘ unterwegs zu sein. Das kann aus meiner Erfahrung auch zu einer Berufskrankheit werden. Wir können nicht die ganze Welt verbessern, schon gar nicht innerhalb eines zeitlich begrenzten Projektzeitraums, aber wir können einen Teil dazu beitragen und das treibt mich an!“